Selbstverständnis

Vision und Aktion

Medizin in größeren Zusammenhängen denken

Wir – die Basisgruppe Medizin – sind eine aktive Gruppe in der Fachschaft Medizin. Wir setzen uns aus Studierenden verschiedenster Semester zusammen, stehen aber auch allen anderen interessierten Menschen offen! Basisgruppen haben eine lange Tradition und entstanden im Zuge der Unirevolten der 60er Jahre. Diese waren erste erfolgreiche Versuche, die starren und sehr autoritär hierarchisierten Strukturen an den deutschen Hochschulen aufzubrechen, den Bedürfnissen der Studierenden Gehör zu verschaffen und aktiv politischen Einfluss auf unser Leben und Lernen in der Universität zu nehmen. Zu diesen Idealen und der basisdemokratischen Organisation stehen wir auch heute noch. Wir richten uns unter anderem nach antifaschistischen und feministischen, also auch antikapitalistischen Grundsätzen – im Studium und darüber hinaus!

Erweitere deinen Horizont

Gesellschaftliches, soziales Verständnis und ethisches Bewusstsein kommen im Studium oft zu kurz. Es geht uns darum, uns nicht einfach nur eine Sparte in einem verkorksten System zu suchen. Wir akzeptieren vorherrschende Missstände nicht, denn als Basisgruppe Medizin reicht es uns nicht, heiße Tipps zum Bestehen der Prüfungen zu vermitteln und Partys zu organisieren. Als angehende Ärzt*innen sollten wir uns schon jetzt und auch im Hinblick auf unser zukünftiges Arbeitsleben für bessere Bedingungen an Kliniken und im Gesundheitssystem einsetzen.

Gesundheit statt Profit

Eine verstärkt gewinnorientierte Politik sorgt für die stetige Zunahme von Privatisierungen im Gesundheitsbereich und insbesondere von Krankenhäusern. Geschäftsführer:innen von Kliniken rühmen sich damit, die schwarze Null eingehalten zu haben und ignorieren dabei, auf wessen Kosten das geschieht – oft ganz bewusst. Denn es ist vor allem das Personal des Gesundheitssystems, das diese Last tragen muss:

Das Pflegepersonal wird weggekürzt, sodass kaum mehr Zeit für die Versorgung der Patient:innen bleibt – von einer guten und menschenwürdigen Zuwendung ganz zu schweigen. Auch den Ärzt*innen wird die gute und individuelle Behandlung ihrer Patient*innen erschwert. Beispielsweise bietet das bestehende DRG-System Anreize, benötigte Therapien zu verkürzen oder aber nicht indizierte und sogar riskantere Therapien durchzuführen. Des Weiteren finanzieren sich niedergelassene Ärzt*innen zunehmend durch Zusatzleistungen, die von Patient*innen selbst getragen werden müssen. Insgesamt fördert das aktuelle Abrechnungssystem eine Mehr-Klassen-Medizin und widerspricht solidarischen Prinzipien. Wenn aber die Gesundheitsförderung nicht mehr im Fokus steht, sondern nur Nebenprodukt wirtschaftlicher Interessen ist, widerspricht das unseren ethischen Grundsätzen. Deswegen fordern wir, dass das Gesundheitssystem dem Wettbewerbsmarkt entzogen wird, damit Patient*innen nicht mehr Mittel für Profit sind, sondern wieder im Mittelpunkt der Behandlung stehen.

Medizin muss geschlechtergerecht sein

Auch die moderne Medizin orientiert sich beispielsweise in der Forschung noch immer am cis-männlichen, weißen, nicht-behinderten und schlanken Körper als Norm. Was unweigerlich dazu führt, dass Menschen die dieser fragwürdigen Norm nicht entsprechen, schlechtere Behandlung durch zum Beispiel unangemessene Medikamentendosierungen erfahren. Auch bedeuten Schwangerschaft und Elternzeit häufig eine Behinderung der beruflichen Weiterbildung und Karriere. Wir fordern: Weder Familienplanung noch Geschlecht dürfen jemandem zum Nachteil gemacht werden. Ebenso finden Schwangerschaftsabbrüche in der Lehre kaum Beachtung, obwohl alle Ärzt*innen diese durchführen dürfen und die Versorgungslage aktuell katastrophal ist. Intergeschlechtliche Menschen werden teils schon im Kindesalter Operationen unterzogen, um sie um jeden Preis einer vermeintlichen Norm anzupassen. Trans* Menschen sehen sich immer noch großen Hürden gegenüber, um eine angemessene Gesundheitsversorgung zu erhalten. Die heutige Medizin hat noch einen weiten Weg vor sich, um allen Menschen in ihrer Individualität gerecht zu werden. Wir versuchen, die herrschenden Missstände zu erkennen und an Veränderung mitzuwirken, die unweigerlich auch bei uns beginnt. Denn all das ist keine notwendige Situation, sondern gesellschaftlich gewachsen und veränderbar!

(FLINTA* ist ein Akronym und steht für Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nichtbinäre, trans und agender Personen. Der angehängte Asterisk dient dabei als Platzhalter für alle Personen, die sich in keinem der Buchstaben wiederfinden, aber dennoch von Marginalisierung betroffen sind.)

Respektvolles Miteinander

Jeder Mensch hat einen Anspruch auf adäquate medizinische Versorgung. Egal aus welchem Kontext heraus, Menschen in Not muss geholfen werden. Stereotypen und diskriminierende Denkmuster in der Medizin müssen reflektiert und kritisch hinterfragt werden. Das gilt sowohl für die Arbeit mit Patient*innen als auch für die Arbeit miteinander. Medizin ist Teil der Gesellschaft und als solche kann sie nicht losgelöst betrachtet werden, sondern ist auch immer sozialpolitisch. Deswegen gilt es gesellschaftliche Missstände, die im Gesundheitssystem reproduziert werden, zu bekämpfen.

Medizin ist Politik im Kleinen

Viele vergessen neben Fachwissen und Spezialisierung immer wieder, dass medizinisches Personal eine hohe soziale Verantwortung innehat. Für Hilfesuchende ist nicht nur entscheidend, dass ihnen die richtige Pille verschrieben wird, sondern sie müssen Ansprechpartner:innen finden, die sie in ihren Problemen ernst nehmen. Viele gesundheitliche Probleme entstehen durch Armut, Ungleichheit und gesellschaftliche Ausgrenzung. Um Menschen wirklich zu helfen, dürfen die gesellschaftlichen und sozialen Aspekte nicht vernachlässigt werden. Dies bedeutet für Ärzt*innen, sich nicht in ihr Fachgebiet zurückzuziehen und sich nicht durch ein berufliches Statusgefühl von komplexen Behandlungsansätzen abhalten zu lassen.

Gesundheit ist mehr als die Abwesenheit von Krankheit. Sie wird durch biologische, aber auch maßgeblich durch soziale und psychologische Faktoren beeinflusst. Denn nicht nur Bakterien und Viren, sondern auch prekäre Lebens- und Arbeitsbedingungen können Menschen krank machen. Vor diesem Hintergrund setzen wir als Basisgruppe uns beispielsweise auch mit der Klimakrise als Gefahr für die Gesundheit auseinander.

Nur gemeinsam sind wir stark

Von der gegenwärtigen schlechten Arbeitssituation ist die psychische und physische Verfassung der Beschäftigten stark betroffen, was direkten Einfluss auf die Patient*innenversorgung nimmt. Mit dem gemeinsamen Arbeitsziel der Gesundheitsversorgung ist es unserer Meinung nach essenziell, sich solidarisch zusammenzuschließen und gemeinsam für eine Verbesserung der bestehenden Arbeitsbedingungen zu kämpfen. Interdisziplinäre Zusammenarbeit darf nicht an konstruierten hierarchischen Grenzen haltmachen. In diesem Zusammenhang sind Bereiche wie Pflege, Reinigung und Wäscherei zu nennen, die für die Klinikabläufe unabdingbar sind. Es sind meist Berufe, die gesellschaftlich wenig anerkannt und deswegen schlecht bis gar nicht vergütet werden. Auch das ist keine notwendige Situation, sondern gesellschaftlich gewachsen und veränderbar! Wir setzen uns dafür ein, dass diese strukturell wichtigen Tätigkeiten gesehen, gewürdigt und angemessen entlohnt werden. Wir fordern bessere Tariflöhne und Personalbesetzungen, die eine sichere Versorgung aller Patient*innen ermöglichen. Denn schlechte Arbeitsbedingungen im Krankenhaus können wie viele andere Missstände tödlich für Patient*innen sein. Wir wollen solidarisch mit allen im Krankenhaus arbeitenden Kolleg*innen sein, denn nur gemeinsam sind wir stark!

Medizin ist immer auch politisch und gute Behandlung ist nur möglich, wenn diese Realität anerkannt wird! Unpolitische Medizin ist bestenfalls Symptomkontrolle. Gute medizinische Behandlung braucht Politik.