Warum der Dr. med. neu gedacht werden muss (I)

Über unbezahlte Arbeit, akademischen Klassismus und warum Titel keine Kompetenzbelege sind.

Zwischen Ideal und Realität

Ein Dr. med. gilt in der Öffentlichkeit als Beleg ärztlicher Kompetenz. Und wer Medizin studiert, wird früh mit dem Narrativ des wissenschaftlichen Erkenntnisdrangs konfrontiert; Forschung als noble Mission, Beitrag zum medizinischen Fortschritt — oder zumindest intellektuelle Reifeprüfung.
Die Realität vieler Promotionsprojekte jedoch sieht anders aus: Excel-Tabellen bis Mitternacht, Laborarbeit ohne Vertrag, Betreuung per Ghosting. Der Titel ist in Deutschland weniger freiwilliger akademischer Weg als sozialer Selektionsmechanismus. Zwischen unsicheren Arbeitsverhältnissen, Druck zur Absicherung zukünftiger Karrierechancen und fehlenden Standards wird Forschung im schlimmsten Fall zur Zumutung – für Studierende, aber auch Wissenschaft selbst.
Was dabei entstehen kann, ist eine „Promotion light“, die weniger auf Erkenntnis abzielt, als auf Reproduktion eines akademischen Statussymboles eines immer noch verdammt konservativen Berufsstandes. Dabei gibt es eine große Bandbreite an wissenschaftlicher Qualität – von extrem aufwendigen Arbeiten bis zu kleinsten retrospektiven Erhebungen. Die Heterogenität spiegelt nicht nur Unterschiede in Betreuung und Ressourcen wider, sondern auch die strukturelle Unklarheit darüber, was eine medizinische Dissertation überhaupt leisten soll. Offiziell ist die Promotion freiwillig. Je nachdem, wo mensch sich nach dem Studium bewirbt, kann diese jedoch eine Rolle spielen. An Unikliniken werden zumindest Promotionsbestrebungen vorausgesetzt. Und Druck, subtil, aber wirksam, wird nicht zuletzt durch KommilitonInnen reproduziert.

Unsichere Bedingungen, unsichtbare Arbeit

Promotionsprojekte laufen in der Regel ohne Arbeitsvertrag, Bezahlung und Absicherung. Pipettieren im Labor, Datenerhebung auf Station und Excel Sheets, bis die Augen brennen. Betreuung muss aufgrund fehlender Kapazitäten oftmals zwischen Tür und Angel stattfinden. Statt verbindlicher Arbeitsstandards gibt es sogenannte Doktorandenvereinbarungen – ein eleganter Weg, um arbeitsrechtliche Pflichten zu umgehen. Die Gewerkschaft GEW kritisierte 2022, dass über 80 % der Promovierenden in der Medizin keine strukturierte Betreuung erhalten – und viele weder in ethische noch in methodische Standards eingeführt werden. Laut dem Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) geben etwa ein Drittel aller Promovierenden an, über einen Abbruch nachgedacht zu haben. In der Medizin ist die Abbruchrate zwar niedriger als in anderen Fächern, liegt aber dennoch laut Schätzungen bei rund 15–20 %. Wer klagt, wird als „undankbar“ wahrgenommen, schließlich handle es sich um die eigene Doktorarbeit und diese sei ja freiwillig. Auf der Strecke bleibende Promovierende lassen sich ersetzen, während diejenigen, die „funktionieren“, mit der Aussicht belohnt werden, Teil einer vermeintlichen akademischen Elite zu werden.

Akademischer Klassismus

Ein klassenkritischer Blick zeigt: Studierende aus ArbeiterInnenfamilien haben oft ein anderes Verhältnis zu unsicheren Arbeitsverhältnissen – sie kennen Überlastung und existenzielle Ängste. Was die einen als untragbar empfinden, und das auch so artikulieren; so für sich einstehen können, wird von anderen still ertragen. Erschöpfung wird individualisiert und lange nicht als strukturelle Ungerechtigkeit erkannt. Schlechte Bedingungen an der Hochschule sind kein individuelles Schicksal, sondern Ausdruck eines Systems, das soziale Ungleichheiten reproduziert. Studierende aus nicht-akademischen Familien müssen zunächst die unausgesprochenen Spielregeln der Hochschulwelt – den akademischen Habitus – erlernen: Wie spricht man ProfessorInnen an? Wie baut man Netzwerke auf? Und wie findet man den richtigen Ton in einer E-Mail – wenn man sich überhaupt erst traut, eine zu schreiben?
Während manche schon früh selbstbewusst auf Betreuende zugehen und genau wissen, was im Lebenslauf stehen muss, um für Forschungsstipendien infrage zu kommen, zweifeln andere daran, ob sie überhaupt das Zeug dazu haben. Wer neben dem Studium jobben muss, Kinder hat oder Care-Arbeit leistet, hat oft weder Zeit noch Energie für eine Dissertation. Der medizinische Doktortitel wird so zum Klassenfilter: Nicht die besten Ideen zählen, sondern die besten Startbedingungen. Wer „dankbar“ sein muss, übernimmt die unsichtbare Arbeit – und das System bleibt, wie es ist. Klassismus ist eine Form symbolischer Gewalt, basierend auf ungleicher Verteilung von Kapitalien: ökonomisch (Geld), kulturell (Bildung, Sprache), sozial (Netzwerke) und symbolisch (Status). Weniger Kapital bedeutet oft strukturelle Benachteiligung – durch „falschen“ Habitus oder fehlende Anerkennung. Klassismus ist kein individuelles Versagen, sondern gesellschaftlich verankerte Ungleichheit.

Internationaler Blick: Geht auch anders

Der deutsche „Dr. med.“ ist ein Anachronismus a.k.a. outdated (anakronismus Subst. – eine nicht mehr zeitgemäße Sache). In Ländern wie den USA, Kanada, Großbritannien oder Japan erhalten AbsolventInnen nach dem Studium automatisch den Titel „M.D.“. Forschung ist dort Teil des Studiums, nicht Voraussetzung für den Titel. So ist in Japan ein verpflichtendes, betreutes Forschungssemester fest im Curriculum verankert – öffentlich finanziert und besser zugänglich. Das trennt wissenschaftliches Arbeiten von Elitenreproduktion, schafft Raum für echte Neugier statt Karrieretaktik und verhindert, dass Forschung zum Nebenjob der ohnehin Privilegierten wird. Wer an Forschung interessiert ist, kann sich nach dem Abschluss gezielt für ein PhD-Programm entscheiden.

Forschung als Ware: Kapitalismus im weißen Kittel

Ein antikapitalistischer Blick zeigt: Die medizinische Forschung ist fest in den Kapitalismus eingebunden. Drittmittel, Industrieverträge und von Pharmafirmen prägen den Alltag – denn der ökonomische Druck ist hoch. WissenschaftlerInnen müssen einen Spagat schaffen zwischen wissenschaftlicher Neugier und der realen Notwendigkeit, Gelder einzuwerben. Leider ist es gängig geworden, pharmafinanzierte Studien zu unterstützen, um Mittel für eigene Projekte umzuschichten. Promotionsstudierende fügen sich perfekt in dieses System ein: Sie sind billig – und rechtlich kaum geschützt. Viele leisten Forschungsarbeit, die Krankenhäusern und Universitäten indirekt Vorteile verschafft. Statt freier Wissenschaft erleben viele Studierende ein autoritäres Betriebssystem, das sie bestenfalls duldet und schlimmstenfalls ausbeutet. Dieses System bringt den Idealismus der Forschung zum Crash.

Forschung als Raum für Freiheit, Erkenntnis und Verbindung

Trotz aller Probleme lohnt es sich, an die Forschung zu glauben. Denn Forschung – im besten Sinne – kann ein zutiefst menschlicher Akt sein: ein neugieriger Blick auf die Welt, das Staunen über biologische Prozesse, das gemeinsame Suchen nach Antworten. Für Studierende kann es auch ein Moment der Selbstermächtigung sein: plötzlich darf man Fragen stellen, statt nur Antworten zu lernen. Gute Forschung ist kollaborativ, international und kritisch. Sie lebt von Offenheit – nicht nur gegenüber Daten, sondern auch gegenüber neuen Ideen. Sie schafft Verbindungen über Länder- und Disziplingrenzen hinweg, bringt frische Perspektiven ins System und fordert uns heraus, nicht nur ÄrztInnen, sondern auch Denkende zu sein. Gute Wissenschaftliche Praxis ist geteiltes Wissen, das Offenlegen von Erkenntnissen – Ordnung ohne Herrschaft. Gerade zu Beginn unserer klinischen Tätigkeit stehen Unsicherheiten an der Tagesordnung. Umso wertvoller die Erfahrungen, die wir durch wissenschaftliche Arbeit sammeln können: rechtzeitig Fragen stellen, um Hilfe bitten, offen über Fehler sprechen. Eine gelebte Fehlerkultur und wie kritisches Denken lehrt uns, nicht einfach zu übernehmen, was uns durch Hierarchien oder von älteren KollegInnen vorgegeben wird. In einem gerechten System wäre Forschung also weder Karrierevehikel noch Belastung, sondern ein kollektiver Raum für Erkenntnis, Kreativität und Verantwortung. Und Studierende würden nicht nur daran teilnehmen – sie würden sie mitgestalten.

Was tun? Forderungen für eine gerechte Wissenschaftskultur

Echte Wissenschaft, die keine Titelmühle ist, braucht Zeit, Ressourcen und kritisches Denken. Wir fordern eine grundlegende Umgestaltung der medizinischen Forschungsausbildung:

  • Abschaffung des „Dr. med.“ als separates Karriereziel – stattdessen automatischer M.D. mit Möglichkeit zur weiterführenden Forschung für Interessierte
  • Forschungssemster mit Aufwandsentschädigung
  • Verbindliche Standards für Betreuung und Sanktionen bei Missbrauch oder Intransparenz
  • Demokratisierung von Forschungsthemen – mehr Public Health, Pflegeforschung, Gesundheitsgerechtigkeit statt Pharmalobby
  • Gezielte Unterstützung für First-Generation-Studierende durch strukturellen Nachteilsausgleich

Quellen

  • GEW; (Zeitschrift Der Bildungsgewerkschaft GEW 04/2025, n.d.)
  • DZHW: (Briedis et al., Gesundheit als Gegenstand der Hochschulforschung: Erste Ergebnisse aus zwei DZHW- Studien mit Promovierenden und Promovierten)
  • Promotionsordnung für Human- und Zahnmedizin der UMG

Gedankenfutter zum Thema akademischer Elitismus aus unserem Global and Social Health Bücherregal:

  • Eribon, Didier: Rückkehr nach Reims. Aus dem Französischen von Tobias Haberkorn. Suhrkamp, Berlin 2016.
  • Louis, Edouard: Anleitung ein anderer zu werden. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel. S. Fischer, Frankfurt am Main 2022.


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